Die Geschichte

Es war einmal ...

Dezember 2010

Der Vorteil eines alten Hauses besteht darin, dass es schon eine Seele hat. Laut Inschrift wurde unser niedersächsisches Hallenhaus 1752 errichtet, wobei die Fundamente älteren Datums sein können. Es berührt mich sehr, zu wissen, dass hier schon viele Generationen von Menschen wohnten, die Freude und Leid erlebten, Sorgen hatten und sicher ein karges und arbeitsreiches Leben führten. Das Haus selbst könnte bestimmt viel darüber erzählen. 

Rettung Überschwemmter in Lenzen, März 1888
Es hat die schlimmen Hochwasser von 1888 und 1954, in denen die Deiche brachen, und die letzten Hochwasser von 2002 und 2006 überstanden. Und auch dem 7-jährigen Krieg (1756-63), den Revolutions- und Napoléonischen Kriegen (1792–1807), den Befreiungskriegen (1813–1815), dem Schleswig-Holsteinischen Krieg (1848–1851),dem Deutsch-Dänischen Krieg (1864) und dem ersten (1914-1918) und zweiten Weltkrieg (1939-1945) hat das Gebäude getrotzt. 

Zwar spielten sich nicht alle Schlachten direkt in der Lenzerwische ab, aber die Menschen waren wahrscheinlich immer davon betroffen, da oftmals Soldatenheere plündernd durch das Land zogen. Hungersnöte waren die Folge und auch von Seuchen blieb die Gegend nicht verschont.  Im 18. Jahrhundert berichten die Kirchenbücher mehrfach von Pockenepidemien, an der unzählige Kinder starben. Wie haben die Bewohner unseres Hauses diese schrecklichen Zeiten wohl erlebt?

Stallknecht vor der alten Scheune, ca. 1950
Der Hof veränderte sich immer mal wieder und gehörte dann im 19. Jhd. als sogenanntes Altenteil zum Nachbarensemble, wie auf dem Luftbild auf der vorherigen Seite gut zu erkennen ist. Auch gab es eine Scheune auf der vorderen Warft, die abgebrannt ist und danach nie mehr aufgebaut wurde. Durch Vererbung wurde der Hof irgendwann geteilt, so dass das Haus heute eigenständig ist. 

Leider konnte ich bisher wenig über die Menschen erfahren, die vor uns hier lebten. Zu DDR-Zeiten wurden viele Unterlagen wegen der Enteignungen vernichtet, so dass kaum etwas zurückverfolgt werden kann. Fotografieren war zu dieser Zeit ebenfalls verboten, da man sich direkt an der Zonengrenze im Sperrgebiet befand. Dass das Gebäude nicht wie viele andere abgerissen wurde, ist nur dem Umstand zu verdanken, dass es bis 2003 wohl ständig bewohnt war. Der ehemalige Stallknecht (Foto) und dessen Frau hatten das Haus angemietet und durften zunächst weiterhin darin wohnen, als das Haus 1996 an ein Ehepaar aus dem Westen verkauft wurde. Wegen Scheidung der Vorbesitzer konnten wir das Haus dann 2008 erwerben. Da stand es mittlerweile seit 5 Jahren leer.

Dachkammer
Unser Haus ist ein Zweiständerbau mit weit heruntergezogenem Satteldach und Schopfwalm. Zu DDR-Zeiten wurde die ursprüngliche Reetdeckung durch Ziegel erneuert. Die Fachwerkkonstruktion des deichseitigen Giebels war so marode, dass sie ebenfalls mit Sichtziegel neu aufgebaut werden musste. Dabei wurden leider auch der alte Spruchbalken zerstört und die Holzfenster durch Kunststofffenster ersetzt.

Typisch bei dieser Art Bauernhaus ist die Längsgliederung in Wirtschafts- und Wohnbereich. Der Wirtschaftsteil mit seiner breiten Einfahrt in die Diele weist in Richtung Straße; der Wohnteil mit separaten Eingängen ist zur Elbe gerichtet. In der Hausmitte liegen Flur und Küche mit dem alten Kamin und teilweise blieben auch die alten Dielenböden bewahrt. Im Obergeschoss war eine Giebelstube für das Gesinde ausgebaut und unter dem Dach befindet sich noch die Räucherkammer, die in den letzten Jahren aber nur noch als Mülldeponie genutzt wurde.


Diele mit dem alten Scheunento
Der Wirtschaftsteil ist noch ungewöhnlich gut erhalten und der Boden in der Diele ist mit gestampftem Lehm versehen. Links und rechts befinden sich niedrige Kübbungen, in denen Stallungen für Schweine und Ziegen, Milch- und Futterkammer, weitere landwirtschaftliche Funktionsräume sowie ein Hühnerstall untergebracht waren. Von hier führen auch Stalltüren nach außen. Die Fachwerkkonstruktion aus Eichenhölzern weist häufig noch die ursprüngliche Ausfachung mit Lehmstaken auf, der Rest ist mit Ziegel gemauert. Der Raum über den Stallungen diente zur Lagerung von Getreide, Heu und Stroh und war mit Bretterdielen aus Pappelholz belegt. Im Dielenbereich sind einige der Eichenbalken rußgeschwärzt, was auf eine ehemalige Feuerstelle hinweisen könnte.

Nachbarn haben mir vor kurzem die neue Adresse der letzten Bewohner genannt und ich habe ihnen einen Besuch abgestattet. Die Begrüßung war sehr herzlich, doch leider konnten sie mir über das Haus sonst auch keine Angaben machen und alte Fotos gibt es nicht mehr. Allerdings leben in Dömitz noch die alte Eigentümerin und ihre Tochter. Auch mit ihnen werde ich mich in Verbindung setzen, um vielleicht doch noch etwas über die Vergangenheit unseres Hauses zu erfahren.

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